Filme als Mutmacher, Gutes zu bewegen

Nachricht02.09.2015
Filme als Mutmacher, Gutes zu bewegen
Foto von Oleksij Plisko
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Während der diesjährigen Deutschen Wochen präsentierte die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) mit der Unterstützung des Internationalen Menschenrechtsfilmfestivals Docudays UA dem Kiewer Publikum eine ironisch-humorvolle Dokumentarfilmreihe. Vier Dokumentationen aus Deutschland, dem Iran, der Türkei und natürlich der Ukraine standen auf dem Programm. Insgesamt rund 400 Zuschauer besuchten die Filme. Im Anschluss an jede Vorführung bot sich für das Publikum zudem die Möglichkeit, mit extra eingeladenen Gästen zu diskutieren, die zum jeweiligen Filmthema spannende eigene Erfahrungen mitbrachten.

Die Stiftung für die Freiheit stellte den Filmbesuchern neue Aspekte gesellschaftlich relevanter Themen vor, in der Absicht, ihnen Motivation und Mut zu tieferem Wissenserwerb und Bürgerengagement zu machen und die Ziele der Stiftung neuen Zielgruppen nahe zu bringen. 

Filme als Mutmacher, Gutes zu bewegen
Foto von Valeriia Mezentseva

Am ersten Abend zeigte die FNF COMRADE COUTURE des deutschen Filmemachers Marco Wilms. Der Film erzählt, wie der Regisseur, der früher als Model für das Modeinstitut der DDR gearbeitet hat, 20 Jahre nach dem Mauerfall die Helden seiner Jugend – Mode- und Überlebenskünstler Ostberlins – aufsucht und mit ihnen ihr damaliges Leben in einer schillernden Parallelwelt erkundet. Mit Archivaufnahmen nimmt der Film den Zuschauer auf eine Zeitreise zu den Science Fiction-inspirierten und mystischen Performances der Modegruppen “Chic, Charmant und Dauerhaft” und „Allerleirau“ mitten im morbiden DDR-Alltag mit. Gemeinsam mit den damaligen Protagonisten inszeniert Marco Wilms noch einmal eine Modenschau, um das einzigartige Lebensgefühl von ökonomischer Unbeschwertheit, individueller Freiheit und radikalem Anderssein Wollen wieder aufleben zu lassen. 

Filme als Mutmacher, Gutes zu bewegen
Foto von Oleksij Plisko

Nach der Vorführung diskutierten die Zuschauer mit der Anthropologin Nadiya Chushak und der Modehistorikerin Zoya Zvyniatskivska über den Film, der unter anderem einen kritischen Blick auf die heutige Konsumgesellschaft wirft. Wenn Mode auf eine rein auf Gewinn ausgerichtete Industrie reduziert wird, gehe die Individualität des Ausdrucks hinter Gleichmacherei verloren, bedauerten die Gesprächspartner.

Filme als Mutmacher, Gutes zu bewegen
Foto von Oleksij Plisko

Die ukrainische Modeszene der 80er Jahre und deren kreatives Potenzial war ein weiteres zentrales Diskussionsthema. Man sprach über den Mangel an Traditionskontinuität in der Ukraine und erinnerte an mittlerweile vergessene oder etablierte ukrainische Designer, über deren gesellschaftliche Bedeutung in den Achtzigern kein Ukrainer heute einen Film macht oder sonst irgendwie, außer vielleicht mittels einiger weniger Vorlesungen, Wissen an die jüngere Generation weitergibt. So war das Gespräch für das Publikum ein wichtiger Moment des Innehaltens und Nachdenkens, wie sie mit ihrer eigenen Geschichte im weitesten Sinne umgehen.

Am nächsten Abend zeigte die Stiftung – mit der Unterstützung von Docudays UA – WALZER ALTSCHEWSK. Diesen Film dreht Vadym Ilkov im Mai 2014 nahe der kriegsbetroffenen ukrainischen Stadt Altschewsk. Er ist eine poetische und zugleich ironische Dokumentation darüber, wie sich ukrainische und belarussische Künstler in der verlassenen Mstsychovskyj Villa versammeln, um an dem musikalisch-literarischen Stück „Die Satzzeichen“ zu arbeiten. Die Dokumentation ließ die Zuschauer nicht nur Freude und Leiden der Künstler bei der Schöpfung eines Kunstwerks miterleben. Wie die Moderatorin unseres Filmabends Nadiya Chushakbetonte: „In diesem Film lässt sich das Wesentliche von einem anderen ukrainischen Donbass erblicken – industrielle Landschaften von Altschewsk, dessen Straßen, Wohnungen und eine verlassene Villa, erbaut zu Anfang des 20. Jahrhunderts, deren Existenz während der Performance mit einem unfassbaren Sinn erfüllt wird. Hier wird, unter anderem in Serhijs Schadan-Poesie, über die Rolle der Kunst und der Künstler reflektiert. Zudem fixiert der Film auch die Zeit vor dem Kriegsausbruch, die uns alle für immer verändert hat.“ 
Nach der Vorführung hatten die Zuschauer die Möglichkeit, dem Regisseur Vadym Ilkov und der Projektautorin Olya Mykhailiuk Fragen zum Film und zu ihren Projekten in der Ostukraine zu stellen. 

Filme als Mutmacher, Gutes zu bewegen
Foto von Borys Labut

An unserem dritten Filmabend zeigte die Stiftung eine Dokumentation von Till Schauder DER IRAN JOB. Hier wird erzählt wie der amerikanische Basketballspieler Kevin Sheppard 2008 das Angebot annimmt, in der Iranian Super League zu spielen und sich damit einer großen Herausforderung stellt: Er soll das neu gegründete blutjunge Team A.S. Shiraz in die Playoffsführen. Während die Spannungen zwischen dem Westen und dem Iran zunehmen und die Eskalation kurz bevor zu stehen scheint, versucht Kevin, zwischen Sport und Politik zu trennen. Er muss aber feststellen, dass dies im Iran unmöglich ist. In dieser Zeit macht er die Bekanntschaft dreier unabhängiger und selbstbewusster Iranerinnen. Durch sie wird Kevins Wohnung zu einem Ort offener Diskussionen über Politik, Religion und Geschlechterrollen.
Die besondere Geschichte des Films ließ niemanden unberührt, so die Zuschauer nach der Vorstellung. Zusammen mit der Journalistin Angelina Kariakina und dem iranischenKomponisten Shahrokh Fathizadeh diskutierten sie über das Leben im Iran und in der Ukraine und haben sich darauf geeinigt, dass der Film einen guten Impuls dazu gibt, mehr über den Iran erfahren zu wollen als aus der üblichen Medienberichterstattung.

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Foto von Borys Labut

Der Dokumentarfilm MÜLL IM GARTEN EDEN von Fatih Akin führt in das türkische Dorf Çamburnu nahe Trabzon, in dessen unmittelbarer Nähe der türkische Staat eine Mülldeponie zur Müllentsorgung nahegelegener Städte gebaut hat. Mehr als sechs Jahre dokumentierte Fatih Akin den Kampf des kleinen Dorfes gegen die mächtigen Staatsinstitutionen und erschuf mit seinem Film ein bemerkenswertes Porträt der türkischen Gesellschaft abseits der Metropolen sowie ein bewegendes Plädoyer für Zivilcourage.
Nach der Vorführung haben die Zuschauer mit der Journalistin Angelina Kariakina undEugeniya Aratovska, Autorin des Ökoprojektes NoWasteUkraine, über das Gesehene im Film und die ukrainische Realität in Sachen Recycling und Umweltschutz diskutiert.

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Foto von Valeriia Mezentseva
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