Weltstandards des Journalismus. Redaktionspolitik zu Kriegszeiten.

26. - 27.3.2015, Charkiw | Seminar
Nachricht29.03.2015
Weltstandards des Journalismus. Redaktionspolitik zu Kriegszeiten.
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Am 26. und 27. März diskutierten Journalistikstudenten der Staatlichen Universität Charkiw mit Professor Valeriy Iwanow, Präsident der Akademie der Ukrainischen Presse (AUP), Volodymyr Mostovyy, Gründer der ukrainischen Traditionszeitung Serkalo Nedeli / Serkalo Tyschnia (Spiegel der Woche) und Sergiy Tomilenko, stellvertretender Leiter des Nationalen Verbands der Journalisten der Ukraine „Weltstandards des Journalismus – Redaktionspolitik in Kriegszeiten“. Denn die Aggression Russlands gegen die Ukraine – die Annexion der Krim und die Okkupation des Donbass – stellt die ukrainischen Medien vor besondere Herausforderungen.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit kooperiert seit vielen Jahren mit der AUP, weil sie gerade die Fortbildung und das Training von Journalisten in den ukrainischen Regionen für wichtig hält, um die Qualitätsstandards des ukrainischen Journalismus zu verbessern.

Valeriy Iwanow unterstrich die Notwendigkeit, internationale Standards gerade auch in Kriegszeiten einzuhalten. 
- Ein Journalist müsse seine Informationsquellen sorgfältig prüfen. Das gelte auch für Informationen offizieller Quellen (etwa des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine oder des Pressezentrums der sog. Anti-Terror-Operations-Zone). Bedauerlicherweise stimmten deren Verlautbarungen häufig nicht mit dem überein, was die Ukrainer tatsächlich auf den Straßen ihrer Städte sähen und erlebten. Folglich ginge das Vertrauen der Bürger in die ukrainischen Medien stark zurück.
- Ein Journalist müsse die Balance halten. Er dürfe nicht nur eine Seite eines Konflikts beleuchten, sondern müsse auch jene zu Wort kommen lassen, die andere Sichtweisen vertreten. So sei es etwa wichtig, auch den Meinungen jener Raum zu geben, die separatistische Ansichten haben.

Volodymyr Mostovyy stellte heraus, dass es die Begriffe „Separatist“ und „Terrorist“ zu unterscheiden gelte. Separatistische Stimmungen gebe es in vielen Ländern (Kanada, Großbritannien). Ein Separatist sei aber kein Verbrecher, solange er keine Waffe in die Hand nehme.
- Es sei zudem unzulässig für einen Journalisten, in seinen Reportagen Hate Speech oder erniedrigende Lexik zu verwenden, etwa das herablassende „Vatnik“ für Bewohner des Donbass.
- Ein Journalist solle auch nichts verschönern und die Realität glaubwürdig in seinen Reportagen abbilden. Bedenken, der ukrainischen Armee bzw. Soldaten dadurch zu schaden, dass Mängel und Fehler der ukrainischen Armee oder Staatsgewalt verschwiegen würden, seien nicht angebracht. „Schreiben Sie die Wahrheit“, riet der erfahrene Journalist; ein „Journalismus der Anhänglichkeit“ habe nichts mit gutem Journalismus zu tun.
Sergiy Tomilenko war es ein Anliegen, dass lokale Medien sich ihre eigenen Themen suchen anstatt die Berichterstattung der nationalen Medien nachzuerzählen. Eigene sorgfältige Recherchen seien ein Qualitätsmerkmal und erlaubten lokalen Journalisten zudem, über jene Themen zu schreiben, die die Menschen vor Ort interessierten. 

Die Studenten waren im Rahmen des Trainings auch gleich praktisch gefordert. Sie erhielten die Aufgabe, Bürger Charkiws zu interviewen und einen kurzen Artikel zum Thema „Sympathisieren Bürger Charkiws mit den selbsternannten Volksrepubliken von Donezk bzw. Luhansk?“ zu verfassen und vorzustellen, den die Experten kommentierten. 

Es stellte sich heraus, dass viele Charkiwer über dieses Thema gar nicht reden wollten, insbesondere, wenn sie darauf auf Ukrainisch angesprochen wurden. Viele Befragte antworteten lediglich, dass sie auf das Ende des Krieges warteten und weiter nichts zu sagen hätten. Wenige Befragte erklärten offen, dass sie die sogenannten „Volksrepubliken“ unterstützten, weil sie es für richtig hielten, dass Menschen ihr Heimatland mit der Waffe verteidigten.

Die Hauptanmerkungen der Experten bezogen sich darauf, wie es Schlagzeilen richtig zu formulieren und Artikel stilistisch richtig zu gestalten gilt. Einige wenige Studenten mussten sie darauf hinweisen, dass es unprofessionell ist, Informationen und Statistik für ihre Artikel aus unbekannten Internetquellen zu verwenden.

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