Reiseland Ukraine? Unbedingt!

Die Ukraine als „ein Europa im Kleinen“
Analysis12.07.2017Miriam Kosmehl
Der Kiewer Maidan, zentraler Platz ukrainischer Freiheitsbestrebungen
Der Kiewer Maidan, zentraler Platz ukrainischer FreiheitsbestrebungenCC BY-NC Depositphotos.com/ vvoennyy
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Wer heute wissen will, wie es um Europa steht, muss (auch) in die Ukraine schauen. Doch eignet sich das Land, aus dem in den letzten Jahren so viel über Krieg und Krisen berichtet wurde, tatsächlich auch als Reiseland? Unsere Ukraine-Expertin Miriam Kosmehl gibt Tipps und berichtet im Auftaktartikel zur Sommerserie „Die Projektländer der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit als Reiseziele“, warum sich ein Urlaub im Land wirklich lohnt.

Als moderner Staat existiert die Ukraine erst seit 1991. Am 24. August des Jahres proklamierte das Land seine Unabhängigkeit. Als am 18. August Panzer durch Moskau rollten und eine Junta alter Männer den letzten sowjetischen Präsidenten Gorbatschow in seinem Urlaub auf der Krim unter Hausarrest stellte, setzte der damalige Vorsitzende des Obersten Sowjets der damaligen Ukrainischen Sowjetischen Volksrepublik auf die nationale Karte. In einem Referendum bestätigten 91 Prozent der Bürger eine unabhängige Ukraine und wählten den Altpolitiker Leonid Krawtschuk zu ihrem ersten Präsidenten. Herausforderer Wjatscheslaw Tschornowil, zuvor Dissident und Anführer der oppositionellen „Volksbewegung“, starb 1999 unter bis heute nicht geklärten Umständen bei einem Unfall.

Ein Vierteljahrhundert später ist es in der Politik kaum ruhiger geworden. Aber wie viel der Reisende davon mitbekommt, nach rund zwei Flugstunden aus Deutschland, ist ihm ganz selbst überlassen. Nach drei Freiheitsrevolutionen – der für die Unabhängigkeit, der Orangen Revolution von 2004 und der von den Ukrainern so getauften Revolution der Würde vor drei Jahren – kämpft eine lebendige Zivilgesellschaft noch immer mit langjährigen Machthabern, die an ihren Netzwerken im Staatsapparat und in der Wirtschaft festhalten und den Kampf unter dem Teppich der öffentlichen Debatte und dem politischen Wettbewerb vorziehen. Und als wäre das nicht Herausforderung genug, hat Russland 2014 die Krim überfallen und bedroht Demokratisierung und Nationsbildung mit einem ständig köchelnden Krieg im äußersten Osten.

Lebendige Geschichte und Kultur

Dabei galt die Ukraine mal als Vorreiter Europas: Prinzessin Anna, Enkelin des Großfürsten Volodymyr und von ihrem Vater Großfürst Jaroslaw der Weise an den französischen König Heinrich I. nach Paris verheiratet, beklagte – so erzählen es Ukrainer – aus dem kulturell und gesellschaftlich modernen Kiew ins rückständige Paris geraten zu sein. Fakt ist, dass Kiew im 11. Jahrhundert eine bedeutende europäische Stadt war. Andere Königs- und Kaiserhäuser sahen es als Ehre an, mit dem mächtigen Fürstentum der Kiewer Rus, dem Zentrum des ostslawischen Reiches, verwandtschaftlich verbunden zu sein. Der Anspruch als Wiege der ostslawischen Zivilisation sorgt bis heute für Befindlichkeiten – zuletzt etwa durch den russischen Präsidenten Putin auf die Weltbühne gebracht, als er besagte Prinzessin Anna bei einem Frankreichbesuch kurzerhand zur russischen Prinzessin machte.

Doch hier beginnt die komplexe Geschichte des faszinierenden Landes erst. Über mehrere Jahrhunderte war die Ukraine ein Teil des größten Reiches der christlichen mittelalterlichen Welt – der Königlichen Republik Polen-Litauen. Später gehörte die Westukraine zum Habsburger Reich, was bis heute in Städten wie Lemberg oder Czernowitz, auch „Klein-Wien“ genannt, unverkennbar ist.

Ein anderer großer Teil der Ukraine gehörte jahrhundertelang zum russländischen Zarenreich – auch Kiew als westliche Grenzstadt nach verlorenem Unabhängigkeitskampf, zunächst gegen die polnische Herrschaft und dann gegen den Zaren. Charkiw war 1919-34 die erste Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik, wovon konstruktivistische Baudenkmäler zeugen.

Die Annahme, die Ukraine lasse sich entlang des Dnepr in Ost und West teilen, ist jedoch ein großes Missverständnis! In der Slobozhanschtschyna etwa, der Umgebung Charkiws, wird überwiegend Ukrainisch gesprochen, und in Transkarpatien neben Ungarisch und Slowakisch auch Russisch. Und die Handelsmetropole am Schwarzen Meer, Odessa, hatte immer schon einen sehr internationalen Charakter und den Beinamen „Klein-Paris“. In ihrer Vielfalt stehen diese Städte tatsächlich „für die Ukraine als ein Europa im Kleinen“ (Karl Schlögel).

Charles de Gaulle

"Ich habe viele Parks in Städten gesehen, aber noch nie eine Stadt, die in einem Park liegt."

Charles de Gaulle

Die Hauptstadt mit ihren inzwischen über drei Millionen Einwohnern ist eine einzigartige europäische Metropole. Wunderschöne Jugendstilbauen zeugen noch von der Glanzzeit Kiews als Geschäfts- und kulturelles Zentrum um die Jahrhundertwende. Alteingesessene Kiewer erinnern sich noch wehmütig etwa an den grünen alten Maidan, den 2004 weltbekannt gewordenen Hauptplatz der Stadt, und beklagen zu Recht zahlreiche Bausünden – nicht nur aus der Sowjetzeit.

Architektonische und sakrale Besonderheiten sind die weltberühmte Sophienkathedrale und das Lawra-Höhlenkloster, beide UNESCO-Weltkulturgut. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist Meschyhirja, das milliardenschwere ehemalige Zuhause von Ex-Präsident Viktor Janukowytsch, der vor den Revolutionären der Würde 2014 nach Russland floh. Ukrainische Aktivisten haben dafür gesorgt, dass der Minipalast mit goldener Toilettenschüssel und eigenem Zoo als Museum zugänglich bleibt, um die Debatte lebendig zu halten, wohin Korruption führt.

Trotz Armut und Missständen: Das Reiseland Ukraine weiß zu überzeugen

Bei aller grandiosen Schönheit und Vielfalt bleibt die Ukraine wahrnehmbar arm. Die Straßen sind nur ausnahmsweise in gutem Zustand – etwa die von Kiew nach Meschyhirja – und die 2012 in Korea eingekauften Intercity-Züge bummeln zwar nicht ganz so arg wie die noch üblichen (billigeren) Nachtzüge, doch von modernen Standards ist die Verkehrsinfrastruktur noch weit entfernt. So sind die Fahrtzeiten zwischen den vielen sehenswerten ukrainischen Städten im größten Flächenstaat Europas viel länger, als sie sein müssten. Dafür bieten Überlandfahrten mit Bahn und Bus eine gute Gelegenheit, mit Ukrainern ins Gespräch zu kommen.

Eine Reise in die Ukraine lohnt sich vor allem für Neugierige, die politisch, historisch und kulturell interessiert sind und die Gegensätze nicht schrecken: Zwischen arm und reich, zwischen verstaubten Museen und dynamischen Kunstprojekten, zwischen Stillstand und Ideenreichtum, Rückständigkeit und Ingenieurskunst, überbordender Bürokratie und Flexibilität, Verantwortungslosigkeit und großem Engagement, zwischen exquisiten Restaurants im gediegenen Kiewer Regierungsviertel und coolen Bars am Dnepr-Ufer oder Schaschlik und Bier überall, zwischen der Hässlichkeit von Plattenbauvierteln aus der Sowjetzeit und farbmächtigen Fassadengemälden, zwischen Umweltsünden und schöner Natur, in deren Abgeschiedenheit auch der Besucher mit dem (zu mietenden) Kajak selbst aus der Hauptstadt in kurzer Zeit paddeln kann. Unterkünfte nach jedem Geschmack sind leicht zu finden, entweder über das Internet oder (privat) vor Ort.

Ihre (noch) mangelhaften englischen Sprachkenntnisse gleichen die Ukrainer durch ihre grundsätzlich große Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft aus. „Freiheit“ und „Rückkehr nach Europa“ waren nicht nur Schlüsselbegriffe der letzten Maidanbewegung, sondern sind spürbar in zahlreichen Initiativen ganz unterschiedlich aktiver Menschen, die alle von einem freiheitlichen, post-imperialen Europa nicht nur träumen wollen.

Geeignete Vorbereitungs- und Reiselektüre:

Jens Mühling, Schwarze Erde, Eine Reise durch die Ukraine

Karl Schlögel, Entscheidung in Kiew, Ukrainische Lektionen

Miriam Kosmehl ist Projektleiterin der Stiftung für die Freiheit für die Ukraine & Belarus in Kiew.

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