Internationales Mediendialogprogramm – Reise in die Ukraine

24.-30. November 2016, Kiew, Kramatorsk, Slawjansk | Reise
Nachricht14.12.2016
Internationales Mediendialogprogramm – Reise in die Ukraine 24.-30. November 2016
Share: 

Im Rahmen eines neuen internationalen Journalisten- und Mediendialogprogramms konnte die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit fünf deutsche Journalisten in die Ukraine einladen: Peter Anderson, Sächsische Zeitung Dresden; Oliver Bilger, Freier Journalist Berlin; Knut Krohn, Stuttgarter Zeitung; Ulrich Schönborn, Nord-West-Zeitung Oldenburg; und Jan Schumann, Mitteldeutsche Zeitung Magdeburg.

Das besuchsübergreifende Thema waren Presse- und Meinungsfreiheit in Krisenzeiten – und wie auf politische Propaganda und den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ wirksam reagiert werden kann. Denn sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine ist zu beobachten, wie anfällig das wichtige Grundrecht der Informations- und Pressefreiheit für gezielte Manipulation ist.

Die Reise hatte Austausch und Debatte über die Einschränkungen und Gefahren für professionellen, unabhängigen Journalismus zum Ziel. Den Deutschen sollte sie Einblick in die schwierige Lage von Journalisten in der Ukraine gewähren. Deshalb war sowohl der tatsächliche Krieg im Osten der Ukraine Thema vieler Gesprächstermine (etwa mit der Ombudsfrau für Menschenrechte Valeriya Lutkovska, mit Alexander Hug von der OSZE Monitoring Mission und mit dem stellvertretenden Informationsminister Artem Bidenko) als auch der hybride Krieg in Form von Desinformation (Austausch mit Ruslan Deynychenko von StopFake).

Die Gruppe verbrachte zweieinhalb Tage in Slawjansk und Kramatorsk, um sich einen Eindruck vom Leben in der sog. „Grauen Zone“ zu verschaffen, einem Gebiet, das jeder ein wenig anders versteht, das sich aber allgemein auf die Gegenden in unmittelbarer Nähe der sog. Demarkationslinie erstreckt, also der faktischen Grenze vor den von der Ukraine nicht mehr kontrollierten Gebieten im Donbass an der eigentlichen Grenze zum russischen Nachbarn.

Die deutschen Journalisten besuchten Hromadske TV Donbas in Slawjiansk, aufgebaut von ihrem ukrainischen Kollegen Oleksiy Matsuka, der seine Heimatstadt Donezk nach einem Anschlag verließ. Matsuka und sein Team berichten unter hohem persönlichem Risiko unabhängig und professionell über das Leben der Menschen diesseits und jenseits der Demarkationslinie.

Ebenso aufschlussreich war ein langer Austausch mit unterschiedlichen Aktivisten und Lokalpolitikern in Kramatorsk sowie das Gespräch mit Nadiya Khomenko von der NRO Country of Free People, die sich mit großem gesellschaftlichem Engagement der Herausforderung stellt, Binnenflüchtlingen den Start in ein eigenverantwortliches Leben zu ermöglichen. Zudem helfen sie und ihr Team jenen, die dem Krieg weiter ausgesetzt bleiben, weil ihr bescheidenes Wohneigentum ihr einziger Vermögenswert ist und ihnen die Mittel fehlen, die umkämpften Gegenden zu verlassen.

Eine Veranstaltung im Anti-Crisis Media Center in Kramatorsk gab allen die Gelegenheit, ein Audit der Minsker Vereinbarungen mit Experten und Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam zu diskutieren.

Zurück in Kiew gab dann die Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung Unabhängiger Journalismus zwischen Propaganda und Lügenpresse andersherum ukrainischen Journalisten und Interessierten die Gelegenheit, den Umgang mit #Propaganda nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Deutschland und Georgien zu diskutieren.

Ein Besuch in Meshihirja, dem ehemaligen Wohnsitz des nach Russland geflüchteten Präsidenten Janukowytsch, erinnerte noch einmal eindrücklich, wogegen die Bürgerinnen und Bürger der Ukraine monatelang auf die Straße gegangen sind und welchen Beitrag insbesondere Journalisten geleistet haben, großangelegte Unterschlagung von Staatsvermögen transparent zu machen.

Internationales Mediendialogprogramm – Reise in die Ukraine 24.-30. November 2016

Ein Gespräch mit Savik Shuster, Journalist und Moderator der in Ungnade gefallenen politischen Talkshow Shuster Live, und Mitarbeitern des Nischensenders 3S.tv führte zum Abschluss der Reise noch einmal mitten in die Debatte, ob und inwiefern die Medien in der Ukraine frei sind. Ist der Modellversuch, öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Gegengewicht zum oligarchengesteuerten Privatfernsehen zu etablieren, vorerst gescheitert, weil er auf einem intransparenten und ineffektiven staatlichen Beziehungsgeflecht aufbaut, das denkbar ungeeignet ist, unabhängige Berichterstattung zu ermöglichen – oder weil der politische Wille fehlt? Und gewähren die mächtigen TV-Anstalten, über die noch immer die Mehrheit der Ukrainer auch die Nachrichten bezieht, Pluralismus, allein weil sie in unterschiedlichen Händen sind? Oder ist der Umstand, dass diese Sender alle nicht gewinnbringend arbeiten (müssen) und ihre Eigentümer ihr Geld in ganz anderen Bereichen verdienen (etwa im Banken- oder Energiesektor oder in der Industrie), Indikator für zu viel Nähe zur Staatsspitze?

Internationales Mediendialogprogramm – Reise in die Ukraine 24.-30. November 2016

Kurz zusammengefasst: Austausch und Debatte zwischen Journalisten, Aktivisten und Regierungsvertretern und Bürgern gab es reichlich im Rahmen des gesamten Programms – und im Mittelpunkt stand immer wieder die Frage nach wirksamen Strategien, wie Presse-, Informations- und Meinungsfreiheit zu stärken sind.

Share: