Europäische Union: Partner und Nachbar für Journalisten aus der Ukraine

Besuchsreise ukrainischer Journalisten nach Brüssel und Berlin 27.9.-3.10.15
Nachricht04.10.2015
Europäische Union: Partner und Nachbar für Journalisten aus der Ukraine
Share: 

Die Revolution der Würde, wie in der Ukraine der #Euromaidan genannt wird, war ein Katalysator für die Entwicklung der ukrainischen Zivilgesellschaft. Eine wesentliche Triebkraft dafür waren und bleiben die ukrainischen Journalisten.

Gegenwärtig, und mitbedingt durch die Krim-Annexion und den Krieg im Donbass, sind in der Ukraine die Themen „Nationsbildung“ und „Zivilisationswahl“ akut. Aber wissen alle Ukrainer, was westlich ihrer Grenzen passiert, wofür die Menschen auf dem Kiewer Maidan und weitere Tausende von Soldaten und Zivilisten im Osten des Landes gestorben sind? 

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit wollte einer Gruppe von ukrainischen Journalisten aktuelle Entwicklungen in der EU einerseits und die Bedingungen, zu denen europäische Medien arbeiten, andererseits nahebringen und lud sieben Journalisten aus unterschiedlichen ukrainischen Regionen zu einer Besuchsreise nach Brüssel und Berlin ein.

Es nahmen teil: 
Oleksandr Bryzh, Chefredakteur der Zeitung „Donbass“ und Vorsitzender des Donezker regionalen Journalistenverbands. Musste vor prorussischen Milizen in die Zentralukraine fliehen;
Serhii Dovhych, Experte des Pressezentrums des (neu eingerichteten) Ersten Nationalen Fernsehkanals der Ukraine;
Iryna Koval, Korrespondentin der regionalen Zeitung „Nowa Doba“ (Tscherkasy/Zentralukraine);
Andrii Kovalenko, von der NRO „Akademie der ukrainischen Presse“ und Journalist;
Serhii Shturkhetskyy, stellv. Chefredakteur der Zeitung „Riwne Wetschirnje“ (Riwne/Westukraine);
Mykola Tokarski, Chefredakteur der Zeitung „Priasowski Rabotschij“ aus Mariupol in der Oblast Donezk;
Zoreslava Tyvin, Journalistin und Moderatorin des Fernsehsenders „TRK Lwiw“ aus Lemberg/Westukraine.

Die Gruppe führte Gespräche in der Europäischen Kommission, im Europaparlament, im NATO-Hauptquartier und mit Journalistenkollegen in Brüssel und Berlin.
Beim Gespräch mit Amanda Paul vom European Policy Centre interessierte die Journalisten insbesondere, ob Europa der Ukraine helfen könne, die russische Aggression zu stoppen, ob Ukrainer in Zukunft visumsfrei nach Europa reisen können werden und ob die Ukraine Aussichten auf eine EU-Vollmitgliedschaft habe. 

Im Europaparlament traf sich die Gruppe mit dem ALDE-Sekretär für Auswärtige Angelegenheiten Rune Glasberg, der das Engagement des Europaparlaments für die Ukraine betonte: die Abgeordneten haben Resolutionen über die Krim und die Ostukraine verabschiedet, die humanitären Folgen des Konflikts analysiert und finanzielle Unterstützung zugesagt.

In der Europäischen Kommission diskutierte Jane Amilhat, stellvertretende Vorsitzende der Abteilung für Handelsaspekte der Europäischen Nachbarschaftspolitik (Handelsbeziehungen mit der GUS und den Balkanstaaten) den EU-Ukraine Handel und die Haltung Russlands zum Assoziierungs- und Freihandelsabkommen zwischen der Ukraine und EU. 

Im NATO-Hauptquartier versicherte Petr Luňák von der Public Diplomacy Division, dass die Allianz die Ukraine unterstütze und ihr ganz praktisch helfe. Herausgestellt wurde die veränderte Einstellung der ukrainischen Bevölkerung zur NATO. Während vor zwei Jahren nur 13-15 Prozent der Ukrainer einen NATO-Beitritt der Ukraine unterstützten, so seien es inzwischen über 50 Prozent.

In Berlin wohnten die Ukrainer einer Redaktionskonferenz der Berliner Zeitung bei und sprachen mit der Chefredakteurin Judith Schikora und anderen Redaktionsmitgliedern über Tageszeitungen in Deutschland. 

Bei der Deutschen Welle Akademie befragte die Gruppe Olena Ponomarenko, Projektmanagerin für Asien und Europa, und Ulrike Meyer, Projektmanagerin für strategische Kommunikation, über die Arbeit der DW Akademie und die Zusammenarbeit mit ukrainischen Medien. Auch wurde die gezielt an das westliche Ausland gerichtete Propaganda russischer Medien diskutiert. Die Ukrainer berichteten über die Probleme regionaler öffentlicher Sender in der Ukraine, etwa die nicht seltenen Einflussnahme-Versuche von Lokalbehörden auf die Redaktionspolitik lokaler Medien.

Der regionale öffentlich-rechtliche Sender RBB war für die Ukrainer von besonderem Interesse, weil das staatliche ukrainische Fernsehen gerade mit ähnlicher Ausrichtung umstrukturiert wird. Die Gäste empfanden den Besuch als positive Illustration für die Absichten der Ukraine, ihren eigenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu gestalten. Der Umbau vom staatlichen zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen könne zu mehr journalistischer Unabhängigkeit und Verantwortung führen, zu mehr Qualität und überlegterer Nutzung von Ressourcen motivieren. 

Im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE empfing Severin Weilanddie Gruppe. Die Teilnehmer schlussfolgerten im Anschluss, dass man in der EU soziale Netzwerke unterschätze, während ihnen in der Ukraine zu viel Aufmerksamkeit geschenkt werde. Und während die Qualität des Journalismus ukrainischer Medien (mit wenigen Ausnahmen) im Vergleich zu europäischen deutlich zurückbleibe, seien ukrainische Medien in sozialen Netzwerken präsenter. 

Im Deutschen Journalistenverband betonte der Referent für internationale Beziehungen und Neue Medien Michael Klehm die Bedeutung von Informanten- und Quellenschutz. Die ukrainischen Kollegen interessierten sich zudem für den Durchschnittslohn in Zeitungsredaktionen und beim Fernsehen und Arbeitsorganisation und Arbeitsbeziehungen im Journalistenverband. 

Im Deutschen Presserat fand ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Lutz Tillmanns über die Rolle und die Aufgaben des Rats statt. Die Gäste erfuhren Interessantes aus dem deutschen Presserecht und die Bedeutung und das Zusammenspiel der Art. 5 und 2 des Grundgesetzes, Freiheiten, Rechte und Pflichten von Journalisten sowie Sanktionsmöglichkeiten des Staates und ihre Anwendung in der Realität. 

Abschließend beteiligten sich die ukrainischen Journalisten am Runden Tisch „Der Einfluss von Krieg, Staat und Oligarchen auf den Medienpluralismus in der Ukraine“. Manche Probleme sind neu für ukrainische Medien, etwa der sog. „Ergebenheitsjournalismus“. Das ist ein neuer ukrainischer Begriff, der die Haltung von patriotisch gesinnten Journalisten benennt, die, motiviert durch die Kriegsbedingungen, einseitig berichten und es unterlassen, ukrainische zivile und militärische Entscheidungsträger zu kritisieren bzw. diese kompromittierende Informationen verschweigen. Deutsche Experten betonten das Unvermögen, Propaganda mit gleichen, propagandistischen Methoden zu bekämpfen, sagten, dass man schlechthin seine journalistische Arbeit tun müsse – die Wahrheit sagen. Auch ging es darum, dass der beste Weg für die Reintegration der besetzten Gebiete sei, die Ukraine in ein starkes, wohlhabendes, unabhängiges, modernes und florierendes Land zu verwandeln. 

Die ukrainischen Journalisten kamen zu dem Schluss, dass sie für sich – und hoffentlich für ihre Leser/Hörer/Zuschauer – vieles erfuhren und klärten. Sie alle betonten insbesondere, dass ihre Position bei Kolleginnen und Kollegen in Brüssel und Berlin Gehör fand und dass sie sich so „moralisch unterstützt“ fühlten.

Share: